Bring Dich und andere zum Leuchten – das ist Unternehmertum von morgen

Eigentlich war das nie mein Ding: Schreiben, etwas veröffentlichen, um seine Meinung kundzutun, um Gehör zu finden. Mein Job ist es, dies für andere zu tun. Ich bin der rhetorische und strategische Geist bei den Menschen, für die wir arbeiten. Doch jetzt möchte ich für mich und uns laut werden. Unsere Geschichte erzählen und vielleicht andere inspirieren. Ich bin überzeugt von unserem Weg, von der Art, wie wir unsere Arbeitskultur verändert haben: Warum wir glauben, dass der Job identitätsstiftend sein muss. Warum Lernen zu mehr Freude in der Berufung führt. Warum wir immer wir selbst sind, ohne Rollen anzunehmen. Warum man sich als moderner Dienstleister von dem ein oder anderen Kunden emanzipieren muss und warum wir gegen Diktaturen am Arbeitsplatz vorgehen möchten. Das werden wir von heute an in unserem Blog „Jobzuhause“ thematisieren.

Wir berichten euch von unseren Ritualen, reflektieren unsere Begegnungen oder die verschiedensten Beziehungen im Job und interviewen Menschen, die uns inspirieren. Damit ihr aber wisst, wer euch hier schreibt und wie es dazu kam – kurz etwas zu unserem Beginn des gemeinsamen Jobzuhauses: In den 2000er machte ich meine ersten Schritte in der Jobwelt. Damals war es in meiner Welt und auch in der vieler meiner Freunde normal, dass der Chef glorifiziert wurde. Man fragte sich: Kann ich das jemals erreichen? Er war wie eine Art „Guru“. Der Chef hat den Tag seiner fleißigen Bienchen bestimmt. Er gab vor, wann was zu tun ist und damit auch häufig wie die Stimmung war. Was er sagte und wollte, war gesetzt, darüber wurde nicht diskutiert. Mein zweiter Chef hatte damals eine Ampel an seiner Bürotür. Grün bedeutete, man darf, nachdem geklopft wurde, reinkommen und sich für einen Text entweder abwatschen lassen oder für einen guten Text eventuell ein Okay abholen. Das war dann der Himmel auf Erden und ich konnte wieder ruhig atmen. Rot bedeutete, der Guru darf auf keinen Fall gestört werden. Das war damals mein Ausschnitt aus der Arbeitswelt. Ich dachte, so läuft das: Leg dir ein dickes Fell zu und lerne fleißig in Windeseile, damit du dir nicht für immer all das gefallen lassen musst. Ob ich mich wirklich in der Zeit fachlich und persönlich weiterentwickelt habe? Nein. Wie auch? Angst und Druck waren stetige Begleiter… Und mit zu viel Adrenalin und Cortisol lässt es sich nicht gut denken… Das ist in der Gehirnforschung schon lange bekannt.

Dennoch waren derartige Hierarchien häufig Usus. Ich hatte den Eindruck gewonnen, wenn Du mal eine leitende Funktion besetzten möchtest, Geld verdienen willst, musst du eine Affinität zu diktatorischen Vorgehen haben. Du musst hart sein, Menschen auch mal fertig machen, damit sie spuren, wie es in diesem Sprachjargon so schön heißt, sie dürfen selbst nicht leuchten und ihre Identität entwickeln, sondern für Deinen Erfolg leben. Nichts darf man sich gefallen lassen, denn dann tanzen alle einem auf der Nase herum. Das habe ich damals gelernt. Empathisch mit seinen Kollegen umgehen, den anderen zu erkennen, sowohl seine Bedürfnisse als auch seine Stärken, stand bei den meisten meiner Chefs nicht auf der Agenda.

Doch wollte ich selbst so leben? Auch, wenn ich sicherlich eher ein lauter Mensch bin, der auch mal dominant sein kann, ist all das etwas, wie ich vor allem auch nach meiner Schulzeit eigentlich nicht mehr leben wollte. Ich wollte frei sein, lernen und immer besser werden, aber weil es mich interessiert, ich das selbst möchte und gut in dem sein, was mich begeistert. Ich wollte Menschen begegnen, sie berühren, meine Zeit mit ihnen teilen und gemeinsam etwas bewirken.

Ich bin heute seit über zwölf Jahren Geschäftsführerin einer Kommunikationsagentur. Ich habe knapp 20 Kollegen. Die klassischen Hierarchien habe ich nie gelebt. Aber Glaubenssätze wie „es müssen klare Vorgaben gemacht werden, sonst tanzen dir alle auf der Nase herum“, die gab es schon. Vor vier Jahren habe ich erst mit mir allein und dann mit allen beschlossen, dass damit nun Schluss ist. Warum kann nicht jeder eine Teilverantwortung übernehmen Wie schaffen wir ein Umfeld, wo der Beruf wieder zur Berufung wird, jeder gern täglich kommt und das primär für sich und erst sekundär für den Kunden? Wie kann der Beruf zum kompletten Leben gehören und nicht nur eine nervige Abspaltung von Montag bis Freitag sein? Ein Alltag, wo jeder Lust hat, sich weiter zu entwickeln, zu lernen, einen guten Job zu machen und wir uns alle vertrauen.

Mein Ansinnen war damals nicht, im ersten Schritt die Wertschöpfung zu erhöhen, sondern ich wollte mit den Kollegen Umgebungen schaffen, in denen jeder gern ist, sich entwickeln kann, in denen wir uns mit Menschen verbinden, mit denen wir Großes schaffen können. Der Erfolg ist dann eine natürliche Folge. Für mich war wichtig, die Trennung der Welten aufzuheben. Ich möchte, dass wir gemeinsam eine Welt schaffen, in der wir uns dabei unterstützen, unser Licht zum Leuchten zu bringen. Der erste Schritt: Ich bin in erster Linie Kollegin und daneben Geschäftsführerin. Das heißt, ich muss hin und wieder große Entscheidungen final treffen und offizielle Formulare und Verträge unterschreiben. Wir sehen uns aber als eine Gruppe von Menschen mit gleichen Rechten und Pflichten, mit den gleichen Zielen, mit Verantwortung, der Erfahrung angepasst, das Zusammenleben als Team und mit demokratischer Entscheidungsfindung…. Ich habe nicht mehr und nicht weniger als eine Plattform vor über zwölf Jahren gegründet, die heute Menschen und deren gemeinsamen Glaubenssätze miteinander verbindet. Klassische Hierarchien gibt es nicht mehr. Lediglich Kapitäne steuern das Team in herausfordernden Situationen. Kapitäne sind diejenigen, die dann der Experte sind und am meisten Routine haben. Sie geben die Richtung vor.und haben die Aufgabe, das Team auch mit Leidenschaft und Wissen zu inspirieren sowie zu motivieren. Sie sind für die Struktur der Prozesse zuständig und unterstützen auch dabei, die Stärken der anderen mit zu entdecken. Unser Leben in der Agentur macht es u. a. aus, dass wir täglich eine Balance herstellen zwischen Freiheit im eigenen täglichen Erschaffen und Strukturen bilden, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Jetzt fragt sich sicher der ein oder andere: Wie geht das? So wenige Hierarchien, Eigen- und Teamverantwortung – sind da wirklich die Kunden zufrieden, machen die einen „ordentlichen Job“? Ja. Neben Wertschätzung, Weiterbildung und Sinnstiftung spielen bei uns auch unternehmerischer Wachstum eine wichtige Rolle. Wir sind überzeugt von unserem System, von dem was wir „gesund“ erschaffen – und dass lässt uns erfolgreich sein.

Was wir alle fürs Ego nicht mehr brauchen und uns auch daran hindert, immer auf Augenhöhe zu reden, das sind die mächtigen Titel, wie Assistenz, Junior, Senior und Co. Wir verzichten darauf. Titel stehen bei uns nur in den Verträgen und Zeugnissen, damit wir eine einheitliche Sprache mit dem Rest der Welt sprechen. Natürlich wissen Kollegen, die seit 20 Jahren im Job sind, schneller, was z. B. in Krisensituationen zu tun ist oder sie haben eine größere Routine im Texte schreiben – sind sie aber zwangsläufig kreativer und sind von Haus aus Social Media Experts? Nein. Deshalb ist unsere Devise, dass jeder von uns ein Experte auf seinem Gebiet ist und für unsere tägliche gemeinsame Unternehmung, für uns als Gruppe, die täglich etwas erreichen will, einen Schritt nach vorne gehen möchte, von gleicher Bedeutung wie z. B. auch die „Geschäftsführer“. So fallen bei uns Machtkämpfe weg und wir bringen uns gern gegenseitig etwas bei. Wir sehen uns als Jobgeschwister in einem Jobzuhause und flache Hierarchien sind nicht nur floskelhaft, sondern werden tatsächlich gelebt.

Wir sind davon überzeugt, dass zum Glück im Job gehört, sich in den Bereichen weiterzubilden, in denen man gut ist. Deshalb identifizieren wir uns mit grundlegenden Ideen von Rudolf Steiner, denn er war davon überzeugt, dass wir Menschen vor allem unsere Fähigkeiten und Talente fördern sollen. Bei uns gibt es neben einem „Buddy-Programm“ – hier bringt ein älterer Jobbruder oder Jobschwester dem Nachwuchs etwas bei – eine hauseigene Uni. Warum wir all das machen und nicht mehr anders arbeiten möchten? Weil der Job ein großer Teil des Lebens ist und auch der eigenen Identität, wir die Bezeichnung „Work-Life-Balance“ furchtbar finden. Denn wir wollen keine Trennung zwischen dem Job- und Privatmensch, nicht durchgehend eine Maske tragen und einfach funktionieren. Wir wollen WIR sein, im Job, beim Sport oder beim Essen mit Freunden, wir wollen uns in voller Größe zeigen, denn nur so sind wir alle gemeinsam gut, können etwas bewirken und schaffen es, unser und das Licht derer, für die wir tätig sind, zum Leuchten zu bringen.

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